Das fehlende Glied. Ein Aufruf zu mehr Verbindung in der Politik.
Wenn ich sehe, wie wirksam Verbindende Kommunikation in Organisationen ist und wie sehr Verbindende Entscheidungsfindung in unseren Schulungen als wirksames Mittel erlebt wird, frage ich mich, wie wir auch mehr Politiker erreichen können.
Wenn ich Aussagen von Politikern höre, mache ich mir Sorgen. Es scheint, als wäre das Beleidigen und Schlechtmachen politischer Gegner das Rezept, um in der Presse Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wenn ich höre, wie es in Gemeinderäten oder im parlamentarischen Austausch zugeht, schrecke ich erneut auf.
Oft sorgt eine schroffe Debattenkultur dafür, dass von einem demokratischen Austausch wenig zu spüren ist. Oppositionsparteien malen führende Koalitionen so, als hätten sie nur düstere Absichten. Schmutz werfen scheint eine wichtige Fertigkeit zu sein, die Politiker beherrschen müssen, wenn sie in der politischen Arena bestehen wollen. Oder sind es Journalisten und Reporter, die unsere Politiker zu zugespitzten Aussagen reizen?
Hin und wieder gibt es aber Politiker, die sich Zeit nehmen, sich die einfache Wirksamkeit der Verbindenden Kommunikation anzueignen. Es macht Hoffnung zu sehen, wie diese Menschen voller Mut zu ihren Räten und Parteibüros gehen.
Ein neuerer Teilnehmer einer traditionellen Partei sagte: Wenn er wiedergewählt wird, will er Verbindende Entscheidungsfindung als leitende Struktur für politische Entscheidungen vorschlagen. Verbindende Kommunikation will er nutzen, um die eigene Fraktion intern zu stärken und im Dialog eine starke Strategie zu entwickeln. Auf seine Bitte hin veröffentlichen wir hier die Vorteile für Politiker. (Wer wissen will, wer mich zu diesem Artikel inspiriert hat: Googeln Sie „Molenbeek” und „Damme”.)
Verbindende Kommunikation in der Politik sorgt dafür, dass:
- Sie Ihre Meinung klar und wirksam kommunizieren können, vor allem indem Sie keine Vorwürfe aussprechen.
- Sie mit wenigen Worten die Essenz Ihrer Botschaft sagen können.
- Sie bei Konflikten tragfähige Lösungen finden, indem Sie zuerst auf die Bedürfnisse und Werte schauen, die erfüllt werden sollen. Lösungen gehen dann über Kompromisse hinaus, in denen zu viel Wasser in den Wein gegossen wird.
- Sie auf die Bedürfnisse und Werte des Gegners hören lernen. Erst durch dieses verstehende Hinhören wird ein Dialog möglich.
Verbindende Entscheidungsfindung in der Politik sorgt dafür, dass:
- Beschlüsse tragfähig sind und zu Lösungen auf lange Sicht beitragen. Das verhindert, dass neue Legislaturen die Gesetze und Beschlüsse der vorigen erneut in Frage stellen.
- Entscheidungen breit getragen werden, weil Vorschläge so verfeinert werden, dass auch Minderheiten und Opposition sich darin wiederfinden.
- Der Dialog der Verbindenden Entscheidungsfindung dafür sorgt, dass Vereinbarungen, Beschlüsse und Gesetze die Bedürfnisse und Werte aller Beteiligten berücksichtigen.
Ich glaube, wir entwickeln uns langsam zu einer Politik, in der wir in Dialog gehen – und dass Verbindende Kommunikation für die heutige Generation ein kraftvolles Mittel ist.
Viele „selbstverständliche” Errungenschaften gehen auf Politiker zurück, die mit Hingabe und Idealismus einen großen Teil ihrer Zeit und Lebensenergie in eine Gesellschaft investiert haben, in der Menschen sich zu Hause fühlen.
Ich wünsche jeder Politikerin und jedem Politiker die Kraft, in Dialog zu gehen und eine Politik zu gestalten, die die Interessen der „anderen” berücksichtigt. Für sich selbst zu sorgen funktioniert nämlich am besten, wenn man dabei mitdenkt, was die anderen brauchen.
Deshalb wollen wir bei Human Matters möglichst viele Menschen inspirieren – in Organisationen, Unternehmen und Schulen … und hoffentlich auch in der Politik.
Erwin Tielemans