Machen Sie Stress zum Verbündeten
Viele Menschen haben mit Stressproblemen zu kämpfen, und das spürt man in Organisationen. „Stress ist nicht immer schlecht”, hört man dann sagen. Aber wie geht das, wenn ein Team zu knirschen beginnt, weil eine nach dem anderen ausfällt?
In diesem Beitrag zeigen wir, wie Sie Stress zu Ihrem Vorteil nutzen. Zuerst beschreiben wir, wie unser Stresssystem funktioniert. Dann skizzieren wir die Stolperfallen und schließlich geben wir ein paar Tipps für den Umgang mit Stress in Organisationen.
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Nutzen und Problem von Stress in Kürze
Stressgefühle zeigen, dass etwas auf dem Spiel steht. Sie versetzen den Körper in Bereitschaft. Hunger, Schmerz und Müdigkeit nehmen ab, Fokus und Produktivität nehmen zu. Energiereserven werden angesprochen. Stress ist also Ihr Verbündeter in Überlebenssituationen und wenn Sie kurz Höchstleistung bringen müssen.
Stress wird erst dann zum Problem, wenn Stressmomente häufig sind und lange anhalten. Erst wenn die aufgebaute Spannung im Körper bleibt und Stressmomente nicht mit Erholungszeit abwechseln, entstehen Beschwerden. Die Last übersteigt die Tragkraft, was auf Kosten Ihrer körperlichen, mentalen und emotionalen Gesundheit geht.
Ihr Window of Tolerance und Ihr Autopilot
Unser Körper ist darauf gebaut, innerhalb bestimmter Grenzen mit stressreichen Ereignissen und Herausforderungen umzugehen. In der Literatur heißen diese Grenzen das „Fenster optimaler Stressbelastung”[1]. Ist der Stress niedriger oder höher als optimal, gehen Sie auf Autopilot – gesteuert vom autonomen Nervensystem – „außerhalb Ihres Fensters”. So wenig Sie Verdauung oder Herzschlag bewusst steuern, so wenig haben Sie direkten Zugriff auf Ihren Stresspegel.
Innerhalb Ihres Fensters haben Sie Kontrolle über das, was Sie mit Emotionen und Impulsen tun. Sie können fokussieren, zusammenarbeiten, Lösungen suchen und den Überblick behalten. Sie können wachsen und lernen. Ihr Körper ist entspannt, der Schlaf erholsam.
Auch innerhalb des Fensters ist es nicht immer eitel Sonnenschein, aber Sie können auf eine Basis von Sicherheit zurückgreifen.
Drei Steuerungsmechanismen Ihres Autopiloten (autonomes Nervensystem)
Solange wir uns sicher fühlen, gehen wir innerhalb des Fensters auf und ab, und der Autopilot sorgt für Wechsel von Aktivierung und Erholung. Die drei beteiligten Mechanismen nennen wir die verbindende Bremse, das Gaspedal und die Urbremse.
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Die verbindende Bremse: Der ventrale Vagusnerv erlaubt Ihnen, sich mit anderen zu verbinden und füreinander zu sorgen. Wenn wir uns mit anderen sicher fühlen, passen sich Herzschlag und Atmung an, und wir kommen zur Ruhe und in die Erholung. So hilft dieser Nerv, im Fenster zu bleiben.
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Das Gaspedal: Das sympathische Nervensystem ist das Gaspedal und sorgt für Energie zur Anstrengung und Wachheit. Wenn das Gaspedal gedrückt wird, steigen Sie im Fenster nach oben.
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Die Urbremse: Der dorsale Vagusnerv wirkt als Bremse und sorgt für Ruhe, Erholung und Grundfunktionen wie Atmung, Verdauung, Fortpflanzung und Schlaf. Dieser Nerv lässt Sie im Fenster sinken.
Wenn der Stress nicht mehr optimal ist, bietet das System trotzdem drei Wege zurück zur Sicherheit.
- Der Autopilot prüft zuerst, ob die verbindende Bremse einsetzbar ist. Nicht durch Wegrennen, Kämpfen oder Fliehen, sondern durch Verbindung mit anderen. Verbundenheit ist ein zusätzlicher Puffer gegen stressreiche Ereignisse. So können wir anderen vertrauen, um Hilfe bitten und gemeinsam Lösungen suchen. Unser Gehirn bleibt aktiv, wir behalten den Überblick, lernen und sind offen für neue Ideen. Sind die Herausforderungen jedoch zu groß, fällt die verbindende Bremse weg, und wir sind auf die (evolutionär älteren Systeme) Gaspedal oder Urbremse angewiesen.
- Solange wir im Fenster bleiben, bringt das Gaspedal uns ins Tun. Aber sobald wir oben aus dem Fenster geraten, ist keine Verbindung mit anderen mehr möglich, und der Autopilot lässt uns aus Instinkt und Emotion handeln, nicht mehr aus Logik. Wir verteidigen uns instinktiv oder fliehen.
- Oder wir fallen auf ein (evolutionär noch älteres) Verteidigungssystem zurück, in dem Sie sich wie eine Schildkröte zurückziehen. Wenn Sie unten aus dem Fenster sinken, schießen Sie in die Urbremse und kommen in eine Art Standby-Modus. Sie sind von allem und allen abgeschnitten. Es gibt keinen Raum mehr, Lösungen zu suchen, zu fühlen oder zu hoffen.
Um bereit zu sein, sobald Gefahr droht, scannt der Autopilot ständig die Signale von Sicherheit und Unsicherheit – in Ihrer Umgebung, bei anderen, in Ihrem eigenen Körper und aus Ihrer Geschichte. So wird unser Stresssystem – im Guten wie im Schlechten – von uns selbst und unserer Umgebung beeinflusst. Es lohnt sich, sich dessen bewusst zu sein und dort zu steuern, wo Sie Wirkung haben.
Ein Plädoyer fürs Hinfallen
Ein gesundes Stresssystem heißt, dass Sie mit mehr und weniger Stress umgehen können, Ihr eigenes System immer besser kennenlernen und rechtzeitig auf Ihren Körper hören. Ab und zu aus dem Fenster zu fallen, gehört dazu. Es ist Hinfallen und wieder Aufstehen. Raum zu lassen – für sich und andere –, hinfallen zu dürfen, ist Voraussetzung für Widerstandskraft.
In dem Sinn sollten wir Raum für Negativität, Schmerz und Unbehagen schaffen. Jeder landet einmal außerhalb seines Fensters. Sie können nicht authentisch sein, ohne je negativ zu sein. Und diese Authentizität braucht es, um Verbindung zu erleben und mit Hilfe der verbindenden Bremse den Weg zurück zu einem handhabbaren Stresspegel zu finden.
Wofür Sie nicht gemacht sind
Ihr Körper ist nicht dafür gebaut, längere Zeit außerhalb der sicheren Zone zu verweilen. Dann verliert der Autopilot den Weg zur Sicherheit. Nach Phasen übermäßigen Stresses braucht es Ruhe und Erholung. Bleibt diese aus, wird Ihr Fenster kleiner. Sie sind zu lange im erhöhten Stress, der Autopilot wird wachsamer und aktiver. Wenn Sie trotzdem weitermachen, gibt der Körper irgendwann auf, und „das Licht geht aus”. Das nennt man Burn-out. Je weiter Sie in dieser Spur sind, desto mehr braucht es zur Erholung.
Manche Menschen pflügen weiter, ohne in einen Burn-out zu rutschen. Sie bleiben im Überlebensmodus, aber genießen nichts mehr. Mit einem entgleisten Autopiloten, der überall Gefahr sieht, sich immer wieder verteidigt oder die Verbindung zu Menschen kappt. Es wird gerade so viel Erholung eingebaut, dass es weitergeht – mehr nicht. Das nennt man Burn-on.
Und dann ist da noch der Bore-out. Die Ursache des Bore-out ist Langeweile und Unterforderung, die Folgen ähneln dem Burn-out: Sie haben für nichts mehr Energie. Hier hilft, ins Tun zu kommen und neue Herausforderungen zu suchen.
Stress ist auch ein Gruppenprozess
Wenn die Umgebung sicher ist und andere ruhig und positiv reagieren, ist die Chance groß, dass Sie da mitgehen und bei Herausforderungen Verbindung zu anderen suchen. Das Gegenteil gilt auch: Wenn Menschen um Sie herum aus dem Fenster geraten, werden Sie wahrscheinlich mitgezogen.
Deshalb ist es wichtig, Stress ernst zu nehmen – aus Sorge um den Einzelnen, aber auch um Team und Organisation. Als Organisation können Sie nicht jeden Stress wegnehmen, das müssen Sie auch nicht. Oft haben Sie auch keinen Einfluss auf belastende Faktoren aus der Privatsphäre. Aber Stress auf Team- und Organisationsebene erkennbar und besprechbar zu machen sorgt schon dafür, dass Mitarbeitende passender mit dem eigenen Stress und dem von Kollegen umgehen, die aus dem Fenster geraten.
Wege, mit Stress in schweren Zeiten umzugehen
Ein Dach erneuert man nicht im Regen. Trotzdem gibt es auch in schweren Zeiten Dinge, an denen Sie als Führungskraft oder HR-Profi arbeiten können.
Wir denken vor allem an Anerkennung geben und Unterstützung organisieren.
Anerkennung stellt Verbindung wieder her und aktiviert die verbindende Bremse. Negativität bleibt hängen, wenn es keinen Raum dafür gibt. Schaffen Sie also ein Ventil für Negativität und sorgen Sie dafür, dass danach nach Lösungen und Möglichkeiten gesucht wird.
Unterstützung organisieren verlangt zunächst einen guten Blick auf die Ursachen von Konflikt und Stress. Dann gilt es, diese Ursachen so konkret wie möglich anzugehen, klare Vereinbarungen über das gewünschte Verhalten zu treffen und nachzuhalten. Und Raum zu schaffen für unsere angeborenen Systeme im Umgang mit Stress – mit Blick auf die Vielfalt der Mitarbeitenden.
Wege zu Widerstandskraft in ruhigen Zeiten
In ruhigen Zeiten können Sie das Fundament für anspruchsvollere Phasen legen, indem Sie das Organisationsfenster vergrößern.
Setzen Sie auf Verbundenheit. Wenn Sie die Widerstandskraft der Mitarbeitenden stärken wollen, arbeiten Sie auf allen Ebenen an Verbundenheit, damit Menschen aufeinander zurückgreifen können, wenn es schwer wird.
- Sorgen Sie für ein gutes Gleichgewicht zwischen wirksamen formellen Kontakten und beziehungsorientierten informellen Momenten – und vor allem für eine klare Unterscheidung beider Formen.
- Sorgen Sie für Verbundenheit auf Organisationsebene, indem Sie die Menschen in Mission und Vision mitnehmen. Entscheidungen einordnen, offen kommunizieren und Input einholen verdient Aufmerksamkeit. Eine klare Mission und Vision schafft Klarheit, Vorhersehbarkeit – und damit Sicherheit.
- Sorgen Sie für eine klare, durchdachte Regelung zum Homeoffice.
Setzen Sie auf mentales Wohlbefinden. Wenn Teams eine gemeinsame Sprache zu Stress entwickeln, können Teammitglieder einander besser stützen und gestützt werden.
- Treffen Sie Vereinbarungen zur Erreichbarkeit (Deconnectie).
- Sorgen Sie dafür, dass Menschen in schweren Momenten gesehen und gehört werden.
- Grenzen Sie stille Arbeitsräume und Plauderräume ab.
Setzen Sie auf körperliche Gesundheit und Vitalität. Stressfestigkeit hat auch eine körperliche Komponente. Wo Menschen angeregt und unterstützt werden, gesunde Entscheidungen zu treffen, profitiert auch der Arbeitgeber. Trauen Sie sich, Mitarbeitende einzubeziehen, wenn es um konkrete Ideen geht. Wer hat noch nicht die Kraft einer Team-Challenge erlebt?
Und nicht zuletzt: Geben Sie das gute Beispiel.
[1] Empfehlung: Riet breekt niet. Anders omgaan met stress en negativiteit. (Daisy Buttiens & Kirsten O, 2023)