Schuld und Scham
In Verbindender Kommunikation gehen wir auf eine besondere Art mit Scham und Schuld um. Wir sehen beides als unechte, sekundäre Gefühle, die nach urteilenden Gedanken über das eigene Verhalten entstehen (mehr dazu im Beitrag zu primären und sekundären Gefühlen).
Wie entstehen Schuld und Scham?
Bei Schuld geht es eher um eine individuelle Verurteilung – Sie halten sich selbst für etwas verantwortlich, das anders lief, als gewünscht. Sie werfen sich vor, einen Fehler gemacht zu haben. Bei Scham spielt die Umgebung eine Rolle. Das Bewusstsein, dass für Sie wichtige Menschen wissen, dass Sie etwas getan haben, ist oft der Auslöser. Sie können sich auch für eine bestimmte Eigenschaft schämen (dick zu sein, einer bestimmten Gruppe anzugehören, eine andere Hautfarbe zu haben …). Dabei ist Scham oft mit dem Bedürfnis verbunden, „dazuzugehören”, „Teil einer Gruppe zu sein”, „akzeptiert zu werden”. Das führt manchmal dazu, dass Sie sich an bestimmte Regeln halten, nicht wegen des Wertes dahinter, sondern weil Sie dazugehören wollen.
Mild mit Schuld- und Schamgefühlen umgehen lernen
Aus Verbindender Kommunikation heraus wollen wir mild mit Scham und Schuld umgehen. Fünf Schritte können helfen:
- Erster Schritt: bei den Gefühlen (Scham oder Schuld) entspannen und sie annehmen.
- Zweiter Schritt: die dahinterliegenden Gebote und Verbote erkunden.
- Dritter Schritt: versuchen zu entdecken, welche Bedürfnisse dahinterstehen.
- Vierter Schritt: oft sinnvoll, das primäre Gefühl zu spüren, das aus der Erkenntnis entsteht, dass dieses Bedürfnis (siehe Schritt 3) nicht erfüllt ist.
- Fünfter Schritt: Sie können wählen, für dieses Bedürfnis zu sorgen, indem Sie etwas Konkretes tun (wollen statt müssen).
„Wollen” und „bewusst wählen” statt „müssen” und „nicht dürfen”
Bei der Erkundung von Scham- und Schuldgefühlen und der dahinterliegenden Bedürfnisse und Werte können Sie zum Schluss kommen, bestimmte Regeln nicht (mehr) befolgen zu wollen.
Es geht in Verbindender Kommunikation sicher nicht darum, Verantwortung zu umgehen. Wir wollen die Bewertung des eigenen Handelns aber an eine Bewertung knüpfen, die sich an Bedürfnissen und Werten ausrichtet, statt blind Regeln zu folgen. Das „müssen” und „nicht dürfen” wollen wir gegen „bewusst wählen” und „wollen” eintauschen. Eine Entscheidung aus persönlicher Überzeugung, die mit den eigenen Bedürfnissen verbunden ist, wird stärker aus der eigenen Lebensenergie getragen.