Kommunikation

Sekundäre Gefühle

· von Human Matters · 6 Min. Lesezeit
Empathie Kommunikation Gefühle Bedürfnisse Urteile

In Verbindender Kommunikation (VK) unterscheiden wir zwischen primären und sekundären Gefühlen. Primäre Gefühle entstehen, wenn bestimmte Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Sekundäre Gefühle gehen mit (negativ) urteilendem Denken über andere einher.

Primäre Gefühle

Primäre Gefühle entstehen, wenn bestimmte Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Unangenehme Gefühle weisen darauf hin, dass ein Bedürfnis zu kurz kommt. Angenehme Gefühle deuten auf erfüllte Bedürfnisse. Primäre Gefühle sind gewissermaßen Anzeiger dafür, ob die Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht.

Zwei Beispiele:

  • Jemand macht mir ein Kompliment, und ich freue mich, weil mein Bedürfnis nach Wertschätzung damit erfüllt ist.
  • Ich höre einen Vorwurf von jemandem und fühle mich traurig (oder frustriert), weil mein Bedürfnis nach Wertschätzung zu kurz kommt.

Sekundäre Gefühle

Sekundäre Gefühle wie Wut auf jemanden, Ärger über jemanden, Eifersucht, Neid, Groll, Hass … entstehen, wenn ein Bedürfnis zu kurz kommt – kombiniert mit (negativ) urteilendem Denken über andere. Eine andere Person bekommt die Schuld für meine unangenehmen Gefühle und das zu kurz kommende Bedürfnis.

Zwei Beispiele:

  • Ein Freund schickt allen aus meinem Freundeskreis eine Einladung, nur mir nicht. Ich bin zunächst traurig, weil ich das Bedürfnis habe, „dazuzugehören”. Wenn ich denke, der Freund lade mich absichtlich nicht ein, und ich ihn für meine Trauer verantwortlich mache, entstehen Wut, Hass oder Ärger ihm gegenüber.
  • Ich höre, dass jemand aus meinem Studienjahrgang einen besonders schönen, gut bezahlten Job hat. Wenn ich das mit meinem vergleiche, bin ich frustriert, weil mir bewusst wird, dass mein Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung zu kurz kommt. Wenn ich denke, es sei ungerecht, dass jemand mehr Erfolg hat als ich, entstehen Neid und Missgunst.

In VK werden wir uns oft bewusst, dass sekundäre Gefühle unser Bewusstsein dominieren. Damit bleiben wir den primären Gefühlen und den dahinterliegenden unerfüllten Bedürfnissen entfremdet. Sekundäre Gefühle wirken wie ein Krebsgeschwür auf die Beziehung und tragen zur Bildung eines Feindbilds bei. Alles, was eine Person tut oder sagt, wird durch die negativen Urteile und die begleitenden sekundären Gefühle eingefärbt. Oft wird viel Energie auf die negative Spirale aus vorwurfsvollem Denken und Reden verschwendet. Viel Lebensenergie richtet sich auf Streit, Recht haben, Klatsch – statt auf das Kümmern um das zu kurz kommende Bedürfnis. Sekundäre Gefühle transformieren In VK richtet sich der Fokus der Lebensenergie auf das Sorgen für die eigenen Bedürfnisse. Urteilendes Denken in Begriffen von gut/böse, richtig/falsch sehen wir als typische dysfunktionale menschliche Hirngespinste, die nicht zur eigenen Lebensqualität beitragen. Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr auf das Erfüllen von Bedürfnissen gerichtet, sondern auf Vergeltung, Recht haben, Revanche.

Was tun mit sekundären Gefühlen?

Aus VK heraus wollen wir mild mit Urteilen und den daraus entstehenden sekundären Gefühlen umgehen. Im Prozess der Selbstempathie erkunden wir die Urteile bewusst. Urteilen zu dürfen und sich darin zu entspannen hilft, dem Schmerz und dem Unmut zunächst Bedeutung zu geben. Das Erkunden der Urteile hilft oft, die unerfüllten Bedürfnisse zu entdecken, weil sie häufig das Gegenteil des Vorwurfs oder Urteils sind.

Zwei Beispiele:

  • Ich finde jemanden einen blöden Idioten, weil er mir keine Einladung zu einer Feier schickt. Wenn ich das Urteil umdrehe (also: nicht versäumen, mich einzuladen), entdecke ich, dass mein Bedürfnis nach Sorge, Respekt, Dazugehören zu kurz kommt.
  • Ich finde es ungerecht, dass jemand mit der gleichen Ausbildung es so gut hat: eine Bilderbuchfamilie, einen sinnvollen Job und ein schönes Gehalt. Hinter Neid und Eifersucht erkenne ich, dass ich mir Sorgen um mein Bedürfnis nach Sinn und meine Bedürfnisse nach Sicherheit mache.

Das Bewusstsein für zu kurz kommende Bedürfnisse ist eine „Brücke”, die primären Gefühle wieder bewusst zu spüren. Diese Gefühle warten gewissermaßen darauf, gefühlt zu werden. Sie bewusst spüren zu dürfen, stellt die Verbindung zu den zu kurz kommenden Bedürfnissen wieder her – oder zur Illusion davon.

Zwei Beispiele:

  • Bewusst die Bedürfnisse nach Sorge, Respekt und Dazugehören zu spüren, lässt mich traurig, ängstlich oder frustriert fühlen. Dieses bewusste Spüren kann zur Erfüllung der Bedürfnisse und zu konkretem Tun führen.
  • Wenn ich bewusst erlebe, dass mein Bedürfnis nach Sinn zu kurz kommt, kann ich mich fragen, was ich konkret tun kann, um mehr Sinn in meinem Leben zu schaffen, und eine andere Strategie überlegen.

Sekundäre Gefühle und die damit verbundenen Urteile in primäre Gefühle und die dahinterliegenden Bedürfnisse zu transformieren, heißt, sich wieder mit der eigenen Lebensenergie zu verbinden. Die Energie richtet sich darauf, das zu erfüllen, was Sie brauchen – und stoppt die Verschwendung an Gewalt (verbale und körperliche Aggression).

Zum Schluss

Manche Gefühle haben sowohl eine primäre als auch eine sekundäre Variante. So unterscheiden wir das gewöhnliche (primäre) Wütendsein, weil ein Bedürfnis zu kurz kommt, und das sekundäre Wütendsein auf jemanden, weil dieser als Ursache für ein zu kurz kommendes Bedürfnis gesehen wird. Auch bei Eifersucht kennen wir beide Varianten: Eifersucht als primäres Gefühl, in dem Sie dem anderen „gönnen”, etwas zu haben, was Sie nicht haben. Und Eifersucht als sekundäres Gefühl, in dem Missgunst und Neid Folge „missgünstigen” Denkens sind. In VK heißen wir alle Gefühle willkommen, primär oder sekundär. Indem wir ihnen volle Aufmerksamkeit schenken und sie erkunden, bekommen Gefühle Bedeutung. Sie machen uns bewusst, welche Bedürfnisse für ein qualitätsvolles Leben nötig sind. Wir messen einem bewussten Prozess der Selbstempathie viel Wert bei, in dem Gefühle – primär oder sekundär – erkundet und gespürt werden und in dem das Entspannen im Urteilen einen klaren Blick auf die jetzt wichtigen Bedürfnisse gibt. Oft führt diese Selbstreflexion dazu, sich in einer Situation zu beruhigen oder eine Strategie zu wählen, die die zunächst als „Verursacher” gesehene Person außen vor lässt. Wenn Sie wählen, radikal ehrlich in Verbindung mit dem anderen zu gehen, halten wir es aus VK heraus für sinnvoll, nur primäre Gefühle zu benennen und Bedürfnisse auszusprechen, ohne den anderen als alleinigen Verantwortlichen zu nennen. Vorwürfe und Urteile haben keine verbindende Energie. Sekundäre Gefühle und die damit verbundenen Urteile sind vor allem im Prozess der Selbstempathie sinnvoll. Wir lesen gerne Reaktionen und weitere Fragen.

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