Verschiedene Arten von Gefühlen
Unsere Gefühlswelt ist ein cleveres Messsystem, das uns sagt, wie es uns geht. Hunger zeigt ein Bedürfnis nach Nahrung. Unruhe kann darauf weisen, dass das Bedürfnis nach Wertschätzung zu kurz kommt; Freude darauf, dass das Bedürfnis nach Schönheit erfüllt ist. Gefühle geben der Welt, in der wir leben, Bedeutung und beeinflussen unser Denken und Handeln.
In Verbindender Kommunikation sind es die primären Gefühle, die uns helfen, in der Kraft des Lebens zu stehen. Das Bewusstsein für sekundäre und Pseudo-Gefühle hilft, wieder Kontakt zu primären Gefühlen zu finden.
Primäre Gefühle
Bei den primären Gefühlen unterscheiden wir u. a. froh, wütend/frustriert, ängstlich und traurig.
- Freude/Zufriedenheit zeigen, dass ein oder mehrere Bedürfnisse erfüllt sind: Auf einer Feier von vielen Freunden umgeben zu sein, ist eine Quelle der Freude, weil mein Bedürfnis nach Freundschaft erfüllt ist.
- Wut/Frust deutet darauf, dass ein Bedürfnis zu kurz kommt: Beim Hören von Vorwürfen und negativem Kommentar zu meiner Arbeit bin ich frustriert, weil mein Bedürfnis nach Wertschätzung zu kurz kommt.
- Angst weist oft auf den Wunsch nach Sicherheit, die Sorge, ob ein Bedürfnis erfüllt wird: Wenn ich meine Arbeit verliere, bin ich ängstlich, weil ich mir Sorgen um Grundbedürfnisse mache: Unterkunft, Nahrung, Trinken.
- Trauer weist oft auf Verlust (oder Nichthaben) von etwas Wertvollem: Eine Beziehung zerbricht, und ich bin traurig wegen meines Bedürfnisses nach Liebe, Freundschaft, Geborgenheit.
Sekundäre Gefühle
Sekundäre Gefühle wie Hass, Ärger, Wut auf andere, Groll, Eifersucht entstehen, nachdem andere als verantwortlich/schuldig für unangenehme Gefühle gesehen werden: Ich bin frustriert, wenn ich keine Einladung zu einem Treffen bekomme; ich sehe die Person, von der ich keine bekam, als Ursache und bin wütend auf sie. Sekundäre Gefühle führen zu einem Feindbild, sodass alles, was die Person tut, als schlecht, dumm, falsch gesehen wird. Sekundäre Gefühle wie Schuld, Scham, Niedergeschlagenheit entstehen, nachdem ich mich für mein Tun oder Nichttun negativ bewerte. Die Urteile beruhen auf verinnerlichten Geboten („ich muss …”) oder Verboten („ich darf nicht …”).
Sekundäre Gefühle bleiben, solange die zugehörigen Urteile mental präsent sind. Sie ziehen die Lebensenergie auf das Erleben der sekundären Gefühle und können sich nicht auf das eigentliche unerfüllte Bedürfnis richten. So können Hass, Schuld, Groll das Wesen eines Menschen lange dominieren; die Aufmerksamkeit zielt oft auf Vergeltung – aus der Überzeugung, wer falsch handelt, müsse bestraft werden.
Pseudo-Gefühle
Pseudo-Gefühle sind eigentlich keine Gefühle, sondern Urteile und Gedanken über andere (oder über sich selbst), formuliert in einem Satz, der oft mit „Ich fühle mich …” beginnt.
„Ich fühle mich ignoriert” sagt: Ich denke, der andere ignoriert mich. „Ich fühle mich nicht ernst genommen” sagt: Ich finde, der andere nimmt mich nicht ernst. „Ich fühle mich wie ein Idiot” sagt: Ich finde mich selbst einen Idioten. Für die empathisch zuhörende Person verbergen Pseudo-Gefühle echte Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse. So können hinter „Ich fühle mich ignoriert” das Gefühl „Wut” und das unerfüllte Bedürfnis „Kontakt” oder „Anerkennung” stehen. Es gibt auch „positive” Pseudo-Gefühle wie sich geliebt, geschätzt fühlen. Diese sehen wir nicht als störend für die eigene Lebensenergie. Gibt es einen Zusammenhang zwischen sekundären und Pseudo-Gefühlen? Pseudo-Gefühle sind urteilende Gedanken, die oft den sekundären Gefühlen zugrunde liegen. Durch das Urteilen geht die Aufmerksamkeit weg von der Signalfunktion primärer Gefühle und der Bedürfnisse, auf die sie weisen.
Was bringt diese Unterscheidung?
Aus Verbindender Kommunikation heraus glauben wir, dass das bewusste Erleben primärer Gefühle, angenehm oder unangenehm, mit der eigenen Lebensenergie verbindet und unser Handeln und Interagieren wirksamer steuert. Alle primären Gefühle bieten sich an, „gefühlt” zu werden und Bedeutung zu geben. Indem wir Gefühlen Bedeutung geben, werden die dahinterliegenden Bedürfnisse klarer – und man kann wählen, sie zu erfüllen oder nicht.
Oft tendieren Menschen dazu, bei unangenehmen Gefühlen anderen oder sich selbst die Schuld zu geben. Sekundäre Gefühle und urteilende Gedanken stören die Lebensenergie, primäre Gefühle werden nicht gespürt, und die dahinterliegenden Bedürfnisse werden nicht anerkannt. Wer sich bewusst ist, dass Urteile sekundäre Gefühle erzeugen, kann die Urteile untersuchen und sie in das Bewusstsein für zu kurz kommende Bedürfnisse umwandeln – und spüren, wie das ist, also die primären Gefühle doch noch erleben. So verwandeln sich Scham und Schuld oft in Bedauern oder Trauer wegen des Verlustes von etwas Wertvollem. Hass, Ärger, Eifersucht zeigen nach Umkehrung der negativen Urteile, welches Bedürfnis als Mangel erlebt wird.
Wie geht das, „fühlen”?
Menschen haben oft verlernt, primäre Gefühle bewusst zu erleben. Urteile und sekundäre Gefühle legen die Ursache immer außerhalb: Andere sind verantwortlich für meinen Schmerz, oder „etwas Falsches” an mir macht, dass ich unglücklich bin. Sekundäre Gefühle blockieren das Bewusstsein für Bedürfnisse, weil die Aufmerksamkeit beim Urteil und bei möglichen Strategien zur Vergeltung liegt.
Fühlen ist mit der Art zu atmen verbunden. Eine tiefe, entspannte Einatmung reicht oft, Gefühle zuzulassen und zu erleben. Im Alltag lohnt es sich, die ganze Wirkung guten Atems wahrzunehmen. Ein geschmeidiger, tiefer Atem fördert Fühlen und aktiviert die Lebensenergie. Urteilendes Denken entsteht oft bei blockiertem Atem, in dem unser „System” versucht, primäre Gefühle zu umgehen.
Zum Schluss
Gefühle bieten sich an, um gefühlt zu werden. Sie warten gewissermaßen darauf. Das Vertrauen, dass Gefühle uns mit unserer Lebensenergie verbinden, hilft, ein sinnvolles und schönes Leben aufzubauen. Sowohl angenehme als auch unangenehme Gefühle sehen wir als konstruktive Anzeiger dafür, was wir brauchen. Oft ist das Bewusstsein für das Bedürfnis schon zur Hälfte seine Erfüllung.