Warum Empathie manchmal so schwer ist?
Empathie für Fremde – ja, „einfach”. Aber Empathie für Menschen im direkten Umfeld? „Pff, das ist manchmal eine andere Sache.” Als mich kürzlich eine Teilnehmerin fragte, warum das so unterschiedlich ist, hatte ich keine fertige Antwort. „Es hat wohl mit der Balance zwischen Zuhören und Gehörtwerden zu tun”, antwortete ich.
Die Bedeutung einer guten Balance zwischen verbindendem Sprechen und verbindendem Zuhören
Manchmal haben wir genug vom Zuhören. Der Kontakt mit manchen Menschen ist so eindringlich, überwältigend, frustrierend, dass wir den Kontakt schnell abbrechen oder den anderen mal an seinen Platz verweisen wollen. Ob es eine Schwiegermutter ist, die sich bei einem nicht so geschätzten Geschenk verteidigt, ein Freund, der wieder so negativ über die Welt redet, oder ein Partner, der nach einem schönen Abend auf einen Streit zurückkommt. Zu hören, was beim anderen lebt, kann eine Offenbarung sein – aber auch eine Erfahrung von Ohnmacht und Frust. Auch diese Erfahrungen verdienen ihren Platz: Wenn wir Ohnmacht und Frust nicht ernst nehmen und nicht prüfen, was uns fehlt, droht der Kontakt ungleichwertig und gleichgültig zu werden.
Sorge für die Beziehung verlangt nicht, die Worte des anderen ergeben zu erdulden, sondern eine Position zum Unbehagen einzunehmen.
Was halten Sie von folgenden Sätzen? Brauchbar?
- Bei einer Schwiegermutter, die sich nach einem nicht geschätzten Geschenk verteidigt: „Ich höre dich sagen, dass du das Geschenk selbst schön findest, und denke ‚wie machen wir es uns schwer’. Wie schön wäre es, eine passendere Art zu finden, das Beisammensein zu feiern. Kannst du das nachvollziehen?”
- Bei einem Freund, der wieder so negativ über die Welt redet: „Wenn ich deine Analyse höre, fühle ich mich unbehaglich. Vertrauen in Menschen ist mir so zentral, dass mir bei deiner Analyse unwohl wird. Wem könntest du noch vertrauen? Und was könnte dein Vertrauen in diese Menschen voranbringen? Ich finde es schwer, weiter zuzuhören, wenn ich nicht den Eindruck habe, dass du deinen Frust nutzen willst, um voranzukommen.”
- Bei einem Partner, der nach einem schönen Abend auf einen Streit zurückkommt: „Au, wenn ich dich nach diesem Abend wieder auf den Streit zurückkommen höre, der noch nicht ganz geklärt ist, mache ich mir Sorgen. Für mich ist Beisammensein wie heute Abend zentral in unserer Beziehung, und ich finde es schwer, dass der Streit wieder auf den Tisch kommt. Ist es in Ordnung, wenn wir das kurz ruhen lassen?”
Position einnehmen in unbehaglichen Interaktionen
Wenn Interaktionen unbehaglich sind, fallen wir leicht auf alte, bekannte Programme (Abwehrmechanismen) zurück, die wir über die Jahre gebaut haben, um die Realität zu verleugnen oder anderen oder uns selbst die Schuld zu geben. Diese unbehaglichen Interaktionen sind eigentlich Geschenke, das Programm zu aktualisieren und bewusster im Leben zu stehen.
Wenn nahestehende Menschen Unmut äußern, ist die Versuchung groß, das als persönlichen Vorwurf zu nehmen. Inspiriert von Verbindender Kommunikation sehen wir es als Herausforderung, genug Raum für das zu lassen, was in Ihnen lebendig ist, ohne die Tür zum anderen zu schließen.
Probieren Sie es aus!
- Welche Interaktion war für Sie unbehaglich, unangenehm …?
- Was sahen oder hörten Sie?
- Was fühlten Sie?
- Welches Bedürfnis kam zu kurz?
- Was würden Sie dem anderen sagen wollen, um für Ihr eigenes Bedürfnis zu sorgen?
Vielleicht sagen Sie etwas, vielleicht nicht. Aber schon das Bewusstsein dessen, was Ihnen in dem Moment wichtig ist, hilft Ihnen, eine besser abgestimmte Position einzunehmen. Viel Erfolg.
Ann Ceyssens